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Bayerns Albtraum: Das «Finale dahoam» gegen den FC Chelsea

München – Bastian Schweinsteiger zieht sich das Trikot bis weit über die Stirn. Leere und unendliche Enttäuschung übermannen ihn. Nur weg von hier. Schweinsteiger hat seinen Elfmeter verschossen.

Nicht irgendeinen, es ist der fünfte im Elfmeterschießen zwischen dem FC Bayern München und dem FC Chelsea im «Finale dahoam». Nun ist Chelsea dran. Und Chelsea verkörpert an diesem Abend in der Allianz Arena im Finale der Champions-League-Saison 2011/12 vor allem einer: Didier Drogba. Der Ivorer macht es besser als Schweinsteiger. Drogba trifft. Manuel Neuer im Tor der Münchner ist geschlagen.

Der FC Bayern ist besiegt. Und damit ist an diesem 19. Mai 2012 nach einem wahrhaft denkwürdigen Fußball-Finale eine der bittersten Stunden in der Vereinshistorie der Münchner besiegelt. «Natürlich sind das zunächst einmal keine schönen Erinnerungen», sagt Philipp Lahm auch fast acht Jahre später noch.

Er hatte die Bayern damals als Kapitän ins Stadion geführt. Er hatte vor dem Elfmeterschießen die Mannschaft noch mal eingeschworen und den ersten Münchner Versuch verwandelt. Sein Jubel in einem Stadion, das an diesem Abend eine Bühne voller Gefühlsexplosionen bot – zwischen purer Freude und wilder Entschlossenheit.

Die Bayern wollten die damalige Saison mit dem Henkelpott krönen. Schon zur Begrüßung hatten die Fans vor dem Anpfiff mit einer entsprechenden Choreographie klargemacht: «Unser Pokal.» Im Halbfinale hatte sich das Team von Trainer Jupp Heynckes gegen Real Madrid durchgesetzt – im Elfmeterschießen!

Die K.o.-Gegner davor waren Olympique Marseille und der FC Basel. Die Gruppenphase hatten die Bayern als Erster vor dem SSC Neapel und dem FC Villarreal beendet. Was viele aber nicht mehr in Erinnerung haben dürften: Um überhaupt in die Champions League zu kommen, musste der FC Bayern in einem Playoff gegen den FC Zürich ran. Denn: Die Saison 2010/11 hatten die Münchner hinter Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen nur als Bundesliga-Dritter abgeschlossen.

Der Weg bis zum Finale war lang. Die Mannschaft von Jupp Heynckes war aber bereit. Franck Ribéry, Arjen Robben, einst bei Gegner Chelsea, dazu ein Thomas Müller mit damals 22 Jahren, ein Jérôme Boateng mit 23, ein Toni Kroos mit 22 oder ein Schweinsteiger mit 27.

Auf der anderen Seite stand die alte Garde des FC Chelsea, angeführt von Drogba. Jenem Spieler, der mit 34 Jahren zum Mann des Abends wurde, zum Hauptdarsteller eines Gänsehaut-Dramas mit Überlänge und den großen Verlierern des FC Bayern.

«Das ist einer dieser Abende, an denen man sich fragt: Wäre es nicht besser gewesen, man wäre daheimgeblieben und hätte das nicht erlebt?», sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge rund zwei Stunden nach Mitternacht und dem endgültigen Erwachen aus dem Traum des Triumphes im «Finale dahoam».

München war in Festlaune, die Fans des FC Bayern besonders. Der Gegner schien machbar, wenn auch maximal unbequem. Leverkusen hatte nach einer Auswärtsniederlage zu Hause gegen die Defensivkünstler gewonnen in der Gruppenphase. Über Neapel, Benfica Lissabon und den FC Barcelona führte der Weg der Blues zu den Bayern.

Club-Besitzer Roman Abramowitsch ließ sich dieses Spiel auch nicht nehmen. Dass er wie ein glückseliger Bub mit baumelnden Beinen nach dem Spiel breit grinsend sein Team bejubeln würde, dürfte er auch nicht gedacht haben. «Es war eine verrückte Reise», erinnert sich Frank Lampard. «Wir haben irgendwie auf Autopilot geschaltet.»

Schon als die Chelsea-Profis um den gesperrten John Terry noch im schicken Anzug die Arena begutachteten, deutete sich ein großer Abend an. Die Erwartungen an die Bayern waren riesig, Chelsea konnte fast nur gewinnen. Selbst wenn die Spielweise der Gäste unter Trainer Roberto di Matteo keineswegs preisverdächtig war.

Jede Bayern-Chance löste auf den Rängen Emotionsschübe aus. Vor allem, weil die Gastgeber zu viele davon vergaben. Es war klar: je länger Chelsea kein Tor kassiert, umso schwerer wird es. «Wir durften ihnen keinen Raum geben. Das sieht nicht schön aus, ist aber wirkungsvoll. Das hat uns in erster Linie auch bis ins Finale gebracht», sagte rückblickend die Chelsea-Torwart-Ikone Petr Cech. Er trug auch dazu bei, dass es nach 80 Minuten immer noch 0:0 stand. Kein Fußball zum Genießen, aber ein Spiel zum Nervenzerreißen.

Die Bayern-Fans blickten immer gebannter zur Anzeigentafel. Nur noch gut zehn Minuten inklusive Nachspielzeit. Jetzt ein Tor – das wär’s. Und dann: Kroos flankt in den Strafraum auf Müller. Müller nimmt Maß mit dem Kopf und trifft mit einem Lehrbuchaufsetzer zum 1:0.

Wie ein Irrwisch rennt er über den Platz, die Emotionen brechen heraus. Das Stadion bebt. «Das war das Ende», dachte Lampard, der am kommenden Dienstag (25. Februar) die Bayern im Achtelfinale der Königsklasse als Chelsea-Coach aufs Neue herausfordern wird, in dieser 83. Minute. War es nicht. Es war der Anfang des Bayern-Dramas. Nur fünf Minuten nach der Führung sorgt Drogba für den Stimmungsschock unter den Bayern-Fans. Ecke, Kopfball, Tor. Nun jubelt Chelsea. Verlängerung. Mehr Spannung geht nicht.

105. Minute: Wieder ist Drogba beteiligt. Er foult Ribéry im Strafraum. Elfmeter. DIE Chance für den FC Bayern. Robben schnappt sich den Ball. «Ich bin davon ausgegangen, dass er es eher mit Kraft anstatt mit Präzision versuchen würde. Dass er stramm schießen würde. Und solche Schüsse gehen gewöhnlich in eine Ecke», erinnert sich Cech an seine Strategie.

Mit weit ausgebreiteten Armen steht er da, als wolle er Robbens Schuss willkommen heißen. Robben starrt auf den Ball, läuft an, schießt, flach, stramm – Cech hält. «Das war der Moment, in dem du dachtest, das Schicksal dreht sich in deine Richtung», sagt Lampard.

«Wir hatten drei Matchbälle. Wir haben 1:0 geführt in der 83. Minute. Wir hatten einen Elfmeter in der Verlängerung. Wir haben beim Elfmeterschießen nach dem dritten Elfmeter auch noch geführt – und trotzdem haben wir es nicht geschafft…», sagte Rummenigge damals weit nach Mitternacht auf dem Bankett, das als Jubel-Party geplant war.

Chelseas Juan Mata scheiterte an Neuer. Dann aber verschossen Ivica Olic und eben auch Schweinsteiger, bevor Drogba seinen Triumph-Abend veredelte. «Mein Verhältnis zur Champions League ist sehr besonders. Ich habe lange gebraucht, um diese Trophäe zu gewinnen. Neun Jahre, mit Marseille, mit Chelsea. Sie zum Ende der Karriere in die Höhe zu recken, war der Höhepunkt meiner Karriere», sagt der Ivorer. Er hatte einen rauschenden Party-Marathon eingeleitet, von München bis London.

Die Bayern boten das Kontrastprogramm. Traurig, wütend. Einfach maßlos enttäuscht. Fans, Spieler, Verantwortliche – allen ging es an diesem Abend und auch an den folgenden Tagen gleich. Doch im Sommer rappelten sie sich auf. Ein Jahr später holte der FC Bayern den Henkelpott im deutschen Finale von London gegen Borussia Dortmund.

Ohne Verlängerung, aber wieder mit einem späten Tor. In der 89. Minute ist der Bayern-Sieg perfekt. Und Robben ist der Matchwinner. Neuer, Schweinsteiger, Boateng, Müller, Lahm – jetzt dürfen auch sie jubeln. «Vielleicht war die Niederlage auch eine Motivation für alles, was dann kam», erinnert sich der damalige Bayern-Kapitän und Nationalspieler Lahm: «Der Sieg in London 2013, die WM 2014.»

Fotocredits: Marcus Brandt
(dpa)

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